Editorial „Soziale Fortschrëtt“: Hundert-Jahrfeier in Zeiten der Krise!

Am 22. Oktober wurde im Rahmen eines Festakts mit anschließendem Konzert des Philharmonischen Orchesters unter der Leitung von Gast Waltzing das 100-jährige Bestehen unserer Gewerkschaft gefeiert.

Diese, laut dem Echo der Teilnehmer, gelungene Veranstaltung, die durch die Anwesenheit Ihrer Königlichen Hoheiten des Großherzogs und der Großherzogin bereichert wurde, ermöglichte es, die Gründung des LCGB gebührend zu feiern, indem Reden und Reflexionen mit einem Konzert verbunden wurden, das die zahlreichen anwesenden Gäste und Mitglieder berührte und inspirierte.

Die Ansprachen des Premierministers und des Vizepremiers, die Anwesenheit zahlreicher Minister, der Verantwortlichen der verschiedenen Arbeitgeber- und Arbeitnehmerverbände sowie der Delegationen befreundeter Gewerkschaften aus Luxemburg und dem Ausland, so wie auch die massive Präsenz unserer Delegierten, Militanten und Mitglieder trugen zu einem angemessenen Rahmen für diesen feierlichen Anlass bei, der in freundschaftlichem und geselligem Ambiente endete.

Die Hauptrede des ehemaligen Premierministers und ehemaligen Präsidenten der Europäischen Kommission Jean-Claude Juncker erinnerte an das Herz, den Schwerpunkt unserer gewerkschaftlichen Arbeit: den Menschen und seine Arbeits- und Lebensbedingungen.

Die Verbesserung der Arbeits- und Lebensbedingungen der Arbeitnehmer ist tatsächlich der „grüne“ Faden des Engagements des LCGB seit seiner Gründung im Jahr 1921. Die Entwicklung unserer Gesellschaft und die sich ändernden Bedürfnisse der Arbeitnehmer haben unsere Gewerkschaft stark geprägt, die angesichts der verschiedenen Krisen, die unser Land durchmachen musste, geschmiedet wurde.

Der Zweite Weltkrieg und die Stahlkrise sind dabei die wichtigsten Ereignisse, die die Welt, in der wir heute leben, und damit auch unsere Gewerkschaft tiefgreifend geprägt und geformt haben.

Auch wenn unser hundertjähriges Bestehen gefeiert wurde, können wir die Krise, die wir derzeit in Europa erleben, nicht ignorieren.

Die russische Aggression gegen die Ukraine ist ein barbarischer Akt, der fast 80 Jahre Frieden auf dem europäischen Kontinent beendet und die schlimmste Energie- und Wirtschaftskrise seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs ausgelöst hat.

Freiheit und Demokratie auf dem europäischen Kontinent werden nun von der russischen Staatsführung bedroht, die nicht davor zurückschreckt, Erdgas als Waffe gegen die verschiedenen EU-Mitgliedstaaten einzusetzen, die die Ukraine bei ihrer Verteidigung unterstützen.

Die Wirtschaftslage wird sich in den kommenden Wochen und Monaten voraussichtlich zuspitzen, und eine wirtschaftliche Rezession in Europa wird immer wahrscheinlicher.

Die Tripartite-Vereinbarungen, die die Regierung mit den Sozialpartnern geschlossen hat, haben es ermöglicht, angemessene Lösungen gegen die gestiegenen Energiekosten der Privathaushalte zu finden, und ermöglichen es auch, die Kaufkraft der Arbeitnehmer und Rentner angesichts einer Inflation, die seit nunmehr 4 Jahrzehnten ihren Rekord erreicht, zu stärken.

Zudem wird die nationale Tripartite je nach wirtschaftlicher Entwicklung erneut zusammentreten müssen, um Lösungen zu finden, mit denen die Arbeitsplätze gesichert und weiterhin die Kaufkraft der Arbeitnehmer geschützt werden.

Die nationale Tripartite hat bewiesen, dass sie ein hervorragendes Kriseninstrument ist, die ihre Rolle voll und ganz spielen kann, wenn die Situation es erfordert.

Die aktuelle Krise ist, wie alle Krisen zuvor, keine Krise mit lokalem oder regionalem Charakter, sondern es geht um das geopolitische Gleichgewicht, das von den russischen Verantwortlichen in Europa und darüber hinaus in der ganzen Welt destabilisiert wurde.

Daher müssen die richtigen Antworten auf der entsprechenden Ebene gefunden werden. Für unser Land sind dies die dreiparteilichen Vereinbarungen und, wenn nötig, für die Europäische Union eine Stärkung und Vertiefung ihrer Aufgaben und Kompetenzen.

Die aktuelle Krise hat deutlich gezeigt, dass eine einzelne Nation, selbst eine Wirtschaftskraft wie Deutschland, nicht mehr die Mittel hat, um allein einen Ausweg aus der Sackgasse zu finden.

Die geopolitische Entwicklung mit neuen Blöcken, die den Grundsätzen der Demokratie und der Menschenrechte feindlich gesinnt sind, macht es notwendig eine abschreckende Verteidigung und eine autonome Wirtschaft aufzubauen, die nicht von Russland und China abhängig ist.

Gemeinsam zum Wohle Europas und seiner Bürger zu handeln, erfordert daher die Entwicklung einer gemeinsamen EU-Politik in Bezug auf Energieversorgung und -erzeugung sowie eine Wirtschaftspolitik, die die Schaffung neuer Aktivitäten und damit Arbeitsplätze erleichtert, z.B. im Rahmen einer europäischen Energiewende.

Wenn die Mitgliedstaaten nicht in der Lage sind, eine solche Politik durch die Strukturen, die sie sich seit der Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft vor 64 Jahren geschaffen haben, zu definieren, setzen sie nicht nur die Glaubwürdigkeit des europäischen Projekts aufs Spiel. In diesem Fall werden die einzelnen Nationen selbst jede Glaubwürdigkeit verlieren und ihre Regierenden werden die schwere Verantwortung für den wirtschaftlichen und sozialen Niedergang tragen, der zweifellos folgen wird.

Wir müssen uns daher alle für ein starkes, solidarisches und unabhängiges Europa einsetzen. Die wirtschaftliche Entwicklung, der soziale Fortschritt und der Frieden in Europa können nicht anders gestaltet werden.

Der LCGB bleibt seinem Einsatz treu, denn es gibt einfach keine Alternative zum europäischen Projekt.

 

Hier finden Sie den „Soziale Fortschrëtt“ N°5/2022: https://lcgb.lu/files/2022/11/2022-05-Soziale-Fortschrett-DE.pdf

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